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Zwischen Vorsorge und Militarisierung: Warum die Vorbereitung auf den Kriegsfall im Gesundheitswesen keine Lösung ist

Die aktuelle Berichterstattung über die Krisenvorsorge von Krankenhäusern zeigt ein Spannungsfeld, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: Einerseits ist es selbstverständlich und notwendig, dass medizinische Einrichtungen auf außergewöhnliche Situationen vorbereitet sind.

Andererseits wirft genau diese Entwicklung eine grundlegende Frage auf: Wann wird sinnvolle Vorsorge zur stillschweigenden Anpassung an eine kriegerische Realität?

Krankenhäuser sind zentrale Pfeiler jeder Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist klar definiert: die Versorgung von Kranken und Verletzten, unabhängig von Herkunft, Status oder Umständen.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, existieren seit Jahren Notfallpläne für Pandemien,

Naturkatastrophen oder technische Ausfälle. Diese Formen der Vorsorge sind Ausdruck verantwortungsvoller Planung.

Neu ist jedoch die zunehmende Selbstverständlichkeit, mit der auch Kriegsszenarien Teil dieser Planungen werden.

Vorbereitung als Logik

Die öffentlich diskutierten Maßnahmen wirken auf den ersten Blick plausibel:

Notstromaggregate, gesicherte IT-Systeme, Vorräte an Medikamenten und Blutkonserven sowie regelmäßige Übungen für den Ernstfall. All das dient dem Ziel, im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben.

Auch die gesetzliche Verpflichtung zu sogenannten Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplänen (KAEP) unterstreicht, wie ernst diese Verantwortung genommen wird. Die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie haben zudem gezeigt, dass viele Gesundheitssysteme an ihre Grenzen geraten können.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur konsequent, die Resilienz weiter auszubauen.

Doch genau hier beginnt das Problem.

Falsches Denken

Wenn politische Entscheidungsträger und Institutionen zunehmend davon sprechen, dass auch Kriegsszenarien berücksichtigt werden müssen, verändert sich auch das Denken unserer Gesellschaft. Krieg wird nicht mehr als Ausnahme gedacht, sondern als Möglichkeit, auf die man sich konkret vorbereiten muss und tatsächlich vorbereiten könnte.

Dieses falsche Denken hat weitreichende Folgen.

Sie führt dazu, dass Ressourcen – finanziell, organisatorisch und personell – in die Anpassung an Kriegsszenarien fließen, deren Eintritt politisch eigentlich verhindert werden sollte.

Sie normalisiert die Vorstellung, dass zivile Infrastruktur kriegstauglich sein muss und in der Realität auch kriegstauglich gemacht werden könnte.

Weiter lenkt sie den Fokus weg von der eigentlichen Ursache des Problems: der Entstehung von Konflikten.

Vorsorge hat Grenzen

So wichtig Krisenpläne auch sind – sie haben klare Grenzen. Ein Gesundheitssystem ist nicht dafür ausgelegt, dauerhaft unter Kriegsbedingungen zu funktionieren.

Die Vorstellung, dass 72 Stunden Notstromversorgung oder zusätzliche Vorräte ausreichen, um die Folgen eines militärischen Konflikts abzufedern, ist trügerisch. Moderne Kriege zerstören Infrastruktur systematisch. Sie unterbrechen Lieferketten, gefährden Personal und machen koordinierte Versorgung nahezu unmöglich.

Hinzu kommt: Im Kriegsfall würden nicht nur Patientenzahlen explodieren, sondern auch Fachkräfte fehlen – etwa, weil medizinisches Personal eingezogen wird oder selbst betroffen ist.

Die oft in diesem Zusammenhang angesprochenen Fragen – etwa nach der Priorisierung von Patienten oder der Zuständigkeit bei der Versorgung von Schwerverletzten – zeigen, wie schnell medizinische Ethik unter Druck geraten kann.

Kurz gesagt: Ein Gesundheitssystem kann sich auf Krisen vorbereiten, aber es kann Krieg nicht „managen“.

Was tut Politik?

Hier liegt der entscheidende Punkt: Die Verantwortung für funktionierende Krankenhäuser endet nicht bei deren technischer Ausstattung. Sie beginnt bei der politischen Gestaltung von Rahmenbedingungen, die den Frieden sichern.

Wenn Politik den Schwerpunkt darauf legt, Systeme kriegstauglich zu machen, ohne gleichzeitig alles dafür zu tun, Kriege zu verhindern, entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht.

Diplomatie, internationale Zusammenarbeit und Konfliktprävention sind keine naiven Ideale, sondern zentrale Instrumente zur Sicherung des Friedens. Sie sind letztlich auch die effektivste Form des Gesundheitsschutzes in der s.g. „Zeitenwende“.

Denn jede verhinderte Eskalation bedeutet weniger Verletzte, weniger Traumata und weniger Belastung für medizinische Systeme.

Diplomatie ist Prävention

Ein wesentlicher Unterschied zwischen militärischer Vorsorge und diplomatischer Arbeit liegt in ihrer Sichtbarkeit. Während Notstromaggregate, Übungen und Vorräte greifbare Maßnahmen sind, bleibt erfolgreiche Diplomatie oft unsichtbar.

Ein Konflikt, der nicht eskaliert, erzeugt keine Schlagzeilen.

Doch genau darin liegt ihre Stärke.

Gespräche mit schwierigen oder gar „aggressiven“ Staaten sind komplex, langwierig und oft frustrierend. Sie erfordern ein Verstehen von Sicherheitsinteressen (eigener und fremder), eine klare Verhandlungsstrategie, Kompromisse und die Bereitschaft, Spannungenauszuhalten. Aber sie sind der einzige Weg, um Kriege zu verhindern und zu beenden.

Kriege enden immer mit Gesprächen und sollte dies einmal nicht der Fall sein, war es wohl der letzte Krieg.

Im Vergleich dazu wirkt die Vorbereitung auf den s.g. „Ernstfall“ wie eine nachgelagerte Reaktion – eine, die Symptome behandelt, nicht Ursachen bekämpft.

Plädoyer für eine andere Prioritätensetzung

Die aktuelle Entwicklung im Gesundheitswesen sollte daher Anlass zur politischen Reflexion sein. Es geht nicht darum, notwendige Vorsorgemaßnahmen grundsätzlich infrage zu stellen.

Krankenhäuser müssen auf Notfälle vorbereitet sein.

Aber diese Vorbereitung darf nicht zur stillschweigenden Akzeptanz einer zunehmend militarisierten Realität führen.

Stattdessen braucht es eine klare Prioritätensetzung:

• Prävention von Konflikten vor Konfliktmanagement

• Diplomatie vor militärischer Logik

• Stärkung internationaler Zusammenarbeit statt nationaler Abschottung

Das Gesundheitssystem ist auch immer ein Spiegel der politischen Verhältnisse, in der es existiert. Wenn es beginnt, sich auf Krieg vorzubereiten, sagt das weniger über seine Stärke aus als über die Unfähigkeit von Außenpolitik sich mit anderen Staaten zum Wohl der eigenen Bevölkerung ins Benehmen zu setzten.

Ein starkes Gesundheitssystem braucht keine Kriegstauglichkeit.

Es braucht eine friedliche Welt.

Autor: Rainer Gierth

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